Besondere Umstände erfordern besondere Aufsicht

Kinder und Jugendliche wollen bei Veranstaltungen vor allem Spaß und Action erleben. Mögliche Gefahren werden dagegen gerne verdrängt. Umso wichtiger ist neben klaren Spielregeln eine ausreichende Aufsicht. Welche Aufsichtsmaßnahmen in der konkreten Aufsichtssituation erforderlich sind, hängt von den drohenden Gefahren ab.

Ausgangspunkt: Aufsichtsführung je nach Aufsichtssituation

Das gebotene Maß an tatsächlicher Aufsicht richtet sich nach den jeweiligen Umständen der konkreten Aufsichtssituation. Die Frage nach den Anforderungen an eine ordnungsgemäße tatsächliche Aufsichtsführung lässt sich daher nicht pauschal beantworten, sondern nur im jeweiligen Einzelfall. Diese Unschärfe rechtlicher Vorgaben wird oftmals als unbefriedigend empfunden. Sie hat jedoch einen ganz klaren Vorteil für Jugendgruppenleiter und Gerichte: Jeder Einzelfall kann anhand der Besonderheiten der Aufsichtssituation beurteilt werden. In entsprechenden Urteilen finden sich daher am Anfang oftmals Formulierungen wie die folgende:

Das Maß der gebotenen Aufsicht über Minderjährige bestimmt sich nach Alter, Eigenart und Charakter, wobei sich die Grenze der erforderlichen und zumutbaren Maßnahmen danach richtet, was verständige Aufsichtspersonen nach vernünftigen Anforderungen in der konkreten Situation tun müssen, um Schäden zu verhindern. Insbesondere hängt es von den Eigenheiten des Kindes und seinem Erziehungsstand ab, in welchem Umfang allgemeine Belehrungen und Verbote ausreichen oder deren Beachtung auch überwacht werden muss. (so sinngemäß der BGH in verschiedenen Urteilen zur Aufsichtspflicht).

Trotz der Unschärfe der rechtlichen Vorgaben der Rechtsprechung lässt sich feststellen, dass sich die Gerichte bei Fällen von (vermeintlichen) Aufsichtspflichtverletzungen immer wieder von den gleichen rechtlichen Wertungen leiten lassen. Hierzu zählen insbesondere die Aspekte der Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit besonderer Gefahrensituationen. Ist eine Aufsichtssituation mit besonderen Gefahren verbunden, so erhöhen sich die Anforderungen an die Aufsichtsführung, damit das Risiko von Verletzungen und Sachschäden beherrschbar bleibt.

Wichtig: besondere Umstände erfordern besondere Aufsicht

Die tatsächliche Aufsichtsführung muss sich danach richten, welche Gefahren in der konkreten Aufsichtssituation drohen. Es gilt die Grundregel: Je größer die drohende Gefahr, umso mehr Anleitung und Aufsicht ist erforderlich. Es liegt auf der Hand, dass beispielsweise bei Abenteuerspielen im Freien mehr Aufsicht erforderlich ist als bei einem Brettspielnachmittag im Haus. Letztlich geht es nicht darum, jede denkbare Gefahrensituationen auszuschließen. Selbst die Gerichte betonen in einschlägigen Urteilen immer wieder, dass dies schon aus pädagogischen Gründen wenig sinnvoll wäre. Es geht also vielmehr darum, die Rahmenbedingungen bei Veranstaltungen der Jugendarbeit so zu gestalten, dass die Risiken für die Betreuer beherrschbar bleiben. Damit ist auch klar, dass besondere Umstände besondere Aufsichtsmaßnahmen erfordern.

Vorbereitung: vorausschauendes Handeln im Vorfeld

Eine Verletzung oder ein Sachschaden resultiert zumeist aus einer Verkettung verschiedener Fehler der Aufsichtspersonen. Dabei lässt sich das Risiko eines möglichen Haftungsfalles mit ein wenig gesundem Menschenverstand durch vorbeugende Maßnahmen bereits im Vorfeld erheblich reduzieren. Sind für die Jugendgruppenleiter schon bei der Vorbereitung bestimmter Programmpunkte Gefahrensituationen vorhersehbar, so muss entsprechend reagiert werden. Mögliche Maßnahmen können z.B. sein: zusätzliche vorbeugende Absicherung von Gefahrenquellen, konkrete Handlungsanweisungen bei Belehrungen sowie Einteilung von mehr Aufsichtspersonen.

Besondere Aufsichtssituationen

Bestimmte Aufsichtssituationen sind geradezu typischerweise mit besonderen Gefahren verbunden. Hierauf sollten sich Betreuer einstellen, um gegebenenfalls sofort eingreifen zu können. Nachfolgend einige beispielhafte Anregungen zu zwei „Klassikern“ unter den Aufsichtssituationen:

Der Klassiker schlechthin: Aufsicht bei Badesituationen

Aus verschiedenen Gründen besteht bei Badesituationen jederzeit das Risiko, dass es von einem Moment auf den anderen unübersichtlich wird. Gerade dann droht jedoch die größte Gefahr, dass nicht schnell genug eingegriffen werden kann. Bei Badesituationen muss immer damit gerechnet werden, dass unter Umständen von einem Moment auf den anderen ein Betreuer jemandem zu Hilfe eilen muss. Daher sollten nach Möglichkeit mindestens zwei Betreuer beim Baden Aufsicht führen, damit bei einem erforderlichen Eingreifen des einen Betreuers der andere Betreuer den Überblick über den Rest der zu betreuenden Gruppe behalten kann.

Gerade an öffentlichen Badestellen sind neben den zu betreuenden Kindern und Jugendlichen je nach Wetter meist noch andere Badegäste. Die Betreuer müssen daher die Gruppen zum Baden so einteilen, dass die Übersicht jederzeit gewahrt bleibt. Ist ein Rettungsschwimmer oder Bademeister an der Badestelle, sollte die Gruppe vorab auf jeden Fall angemeldet werden. Die Anwesenheit eines Rettungsschwimmers oder Bademeisters entbindet jedoch selbstverständlich nicht von der Pflicht zur Aufsichtsführung. Die Teamer dürfen sich keinesfalls darauf verlassen, dass im Zweifel der Rettungsschwimmer / Bademeister das schlimmste verhindern wird.

Bereits im Vorfeld sollte geklärt sein, ob (mit entsprechender schriftlicher Erlaubnis der Eltern) bestimmte Kinder und Jugendliche allein und ohne Aufsicht baden gehen dürfen. Diese sollten gleichwohl nur in kleineren Gruppen und nach Abmeldung bei den Betreuern baden gehen. Im übrigen sollten konkrete Zeitpunkte für die Rückkehr vom Baden vereinbart werden.

Im Hinblick auf die beim Baden zu beaufsichtigenden Kinder und Jugendlichen muss klar sein, wer Schwimmer und wer Nichtschwimmer ist, damit dies bei der Aufsicht berücksichtigt werden kann.

Belehrungen zu Baderegeln sollten im Vorfeld erfolgen und nicht erst direkt am Wasser, wo die Kinder und Jugendlichen wahrscheinlich ohnehin kaum noch zuhören werden.

Unabhängig von den Schwimmkünsten der zu beaufsichtigenden Kinder und Jugendlichen muss dafür gesorgt werden, dass der Jugendgruppenleiter im Fall der Fälle effektiv und schnell eingreifen kann. Dies bedeutet, dass die zu beaufsichtigende Gruppe sich nicht zu sehr verstreut und niemand zu weit hinausschwimmt.

Ein Erste-Hilfe-Paket sollte immer mitgeführt werden, damit kleinere Verletzungen (z.B. Schnittwunden) vor Ort verarztet werden können. Auch ein Handy sollte stets zur Hand sein, damit gegebenenfalls ein Arzt gerufen werden kann.

Immer wieder relevant: Aufsicht bei Konflikten in der Gruppe

Bei Veranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen kommt es immer mal wieder zu Konflikten zwischen den Teilnehmern. Jugendgruppenleiter sollten in entsprechenden Situationen kühlen Kopf bewahren und möglichst frühzeitig einschreiten, um eine Eskalation der Auseinandersetzung zu verhindern. Erfahrungsgemäß kann ein „Rumblödeln“ schnell zu einem Streit und unter Umständen sogar zu einer körperlichen Auseinandersetzung führen. Problematisch ist insoweit insbesondere, dass die streitenden Kontrahenten oftmals versuchen, die übrigen Gruppenmitglieder auf ihre Seite zu ziehen. Es besteht deshalb die Gefahr, dass die Situation nicht nur zwischen den Kontrahenten sondern auch zwischen den weiteren einbezogenen Gruppenmitgliedern eskaliert.

Die Teamer sollten in Konfliktsituationen unter den Kindern und Jugendlichen bei unerwünschtem Verhalten sofort tätig werden. Machen sich Konflikte in der Gruppe durch entsprechende „Warnsignale“ bemerkbar, sollten die Betreuer hierauf eingehen, um die Situation zu klären.

In jedem Fall sollten Betreuer in ihrem eigenen Verhalten klar und verbindlich auftreten. Für die Kinder und Jugendlichen muss deutlich sein, dass die Teamer auf ein unerwünschtes Verhalten nicht als Kumpel sondern als (aufsichtspflichtiger) Jugendgruppenleiter reagieren. Wichtig: Betreuer sollten bei einem erforderlichen Einschreiten aus psychologischen Gründen das unerwünschte Verhalten kritisieren, nicht das Kind bzw. den Jugendlichen.

Dass ein Eingreifen bei körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Veranstaltungsteilnehmern sowohl aus pädagogischen als auch aus Haftungsgründen erforderlich ist, versteht sich von selbst.

Jugendgruppenleiter sollten bei Auseinandersetzungen in der Gruppe ein klärendes Gespräch mit den Beteiligten führen, welches sinnvollerweise nicht vor der Gruppe stattfinden sollte (Wer eine Showbühne bietet, bekommt auch eine Show …). Sofern seitens der Jugendgruppenleiter die Androhung von Sanktionen erwogen wird, muss unbedingt berücksichtigt werden, dass nur zulässige Sanktionen angedroht (und gegebenenfalls umgesetzt) werden.

Nach einem klärenden Gespräch mit den Beteiligten sollten die Teamer je nach Situation durch entsprechende Aktivitäten dafür Sorge tragen, dass die (gegebenenfalls in Cliquen gespaltene) Gruppe wieder zueinander findet.

Ein wichtiger und häufig vernachlässigter Aspekt im Umgang mit Konfliktsituationen ist die bewusste Förderung erwünschten Verhaltens und die Bestärkung der Kinder und Jugendlichen in kooperativen Verhaltensweisen. Dies verbessert auch die Stimmung in der Gruppe und hilft, Konfliktsituationen vorzubeugen.

Fazit

Besondere Umstände erfordern besondere Aufsichtsmaßnahmen. Mögliche Gefahrensituationen sollten bereits bei der Planung im Vorfeld berücksichtigt werden, damit nicht improvisiert werden muss. Was in Ruhe vorbereitet werden kann, sollte auch vor dem Beginn der entsprechenden Aktion erledigt werden. Klare Absprachen und Aufgabenzuweisungen, wer bis wann was tun soll, vermeiden Missverständnisse und Stress bei der Durchführung der Aktion.

Weiterführende Informationen finden Sie in den Beiträgen: