Welche Anzeichen deuten auf eine Kindeswohlgefährdung hin
und wie sollte bei entsprechenden Anzeichen vorgegangen werden ?

In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stellt sich immer wieder die Frage, ob es „sichere Anhaltspunkte“ für einen Fall von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch gibt. Leider ist dies nicht der Fall, da sich derartige Anhaltspunkte aus den verschiedensten Anzeichen ergeben können. Bestimmte Anzeichen lassen sich jedoch zumindest soweit deuten, dass entschieden werden kann, ob einem Verdacht nachgegangen werden sollte. Diese Entscheidung wird sicher in einigen Fällen eine Gratwanderung darstellen, da die Äußerung eines derart schwerwiegenden Verdachtes weitreichende Folgen haben kann. Andererseits kann ein Untätigbleiben aus Angst vor falschen Verdächtigungen für das betroffene Kind ebenfalls weitreichende Folgen haben. Damit stellt sich üblicherweise die logische Folgefrage nach dem „richtigen Vorgehen“ in Verdachtsfällen. Leider gibt es auch hierzu keine „Patentlösung“. Gefragt sind Hintergrundwissen über die relevanten Aspekte und eine Entscheidung auf Grundlage nachvollziehbarer Erwägungen. Der nachfolgende Beitrag gibt Hinweise zu Anzeichen für einen Fall einer möglichen Kindeswohlgefährdung und Anregungen zum Vorgehen beim Vorliegen von „Warnsignalen“:

Anzeichen für Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch

Anhaltspunkte für einen Fall von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch können sich aus den verschiedensten Anzeichen ergeben. Insoweit ist jedoch zu berücksichtigen, dass insbesondere jüngere Kinder mitunter noch recht ungeschickt sind und sich bereits aus diesem Grund häufiger verletzen als ältere Kinder. Auch das Interesse an der Unterschieden zwischen den Geschlechtern oder „Doktorspiele“ sind an sich durchaus „normal“. Immer wiederkehrende oder atypische Verletzungen oder nicht altersgemäße Bezugnahmen auf sexuelle Themen können indes „Warnsignale“ sein, auf die reagiert werden sollte. Trotz der erforderlichen Zurückhaltung mit vorschnellen Einschätzungen können folgende Anhaltspunkte auf Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch hindeuten:

Die vorgenannten Anzeichen deuten insbesondere dann auf Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch hin, wenn sie mehrfach / wiederholt auftreten.

Vorgehen bei Anzeichen für Vernachlässigung, Misshandlung
oder sexuellen Missbrauch

Aufgrund der weitreichenden möglichen Folgen des Vorwurfes der Kindeswohlgefährdung und der Schwierigkeiten bei der Abklärung der tatsächlichen Gegebenheiten des Sachverhaltes im konkreten Einzelfall empfiehlt sich ein abgestuftes Vorgehen in mehreren Schritten:

Als erstes sollte die Anzeichen für einen möglichen Fall einer Kindeswohlgefährdung im Team angesprochen werden. Handelt es sich lediglich um eine subjektive Einschätzung oder haben auch andere Teammitglieder die angesprochenen Anzeichen bemerkt ? Sind die angesprochenen Anzeichen anderen Teammitgliedern bislang nicht aufgefallen, sollten zunächst auch die anderen Teammitglieder ein stärkeres Augenmerk auf das Kind und dessen Verhalten richten. Die Beobachtungen können dann nochmals im Team angesprochen und erörtert werden. Sofern die Auffälligkeiten auch von anderen Teammitgliedern bestätigt werden, sollten Verdachtsmomente dokumentiert werden.

Ob sodann erst eine erfahrene Fachkraft für eine Einschätzung hinzugezogen werden sollte oder ohne Einholung einer externen Einschätzung das Gespräch mit den Eltern gesucht werden sollte, hängt von verschiedenen Gesichtspunkten ab. Auf jeden Fall sollten sich Nichtspezialisten sowohl bei der Hinzuziehung externen Rates als auch bei der Ansprache der Eltern zu ihrem eigenen Schutz darauf beschränken, einen Verdacht zu äußern, um die erforderlichen Schritte für eine fachgerechte diagnostische Abklärung zu ermöglichen. Entscheidendes Augenmerk ist auf eine fundierte Begründung des Verdachtes auf Grundlage einer Dokumentation der Verdachtsmomente zu legen.

Sofern der Verdacht besteht, dass es sich bei dem Täter um ein (Stief-)Elternteil oder ein Familienmitglied handelt, sollte auf jeden Fall so früh wie möglich eine fachkundige externe Einschätzung veranlasst werden. Ein vorheriges Gespräch mit den Eltern könnte nämlich dazu führen, dass der Täter auf das Kind einwirkt und die Abklärung des Sachverhaltes erschwert wird. Im übrigen besteht die Gefahr, dass der Täter von dem anderen Elternteil oder den Eltern des Kindes gedeckt wird.

Die Abklärung der Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung hat durch eine insoweit erfahrene Fachkraft zu erfolgen. In Betracht kommen unter anderem die Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes oder entsprechend ausgebildete Mitarbeiter von Erziehungs- und Familienberatungsstellen. Unabhängig von der Person der hinzugezogenen Fachkraft sollte bei einem entsprechenden Vorgehen das Jugendamt informiert werden.

Fazit:

Der schwerwiegende Vorwurf der Kindeswohlgefährdung kann weitreichende Folgen für alle Betroffenen haben und sollte daher nicht leichtfertig erhoben werden. Unabhängig davon ob der Vorwurf der Kindeswohlgefährdung auf Anhaltspunkte für eine Vernachlässigung des Kindes gestützt wird, auf Anhaltspunkte für eine Misshandlung oder auf Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch, sollte zunächst eine Dokumentation der Verdachtsmomente erfolgen und eine erfahrene Fachkraft hinzugezogen werden.

Weiterführende Informationen zum Thema Kindeswohlgefährdung finden Sie im Beitrag:

Kinderschutz – Quo vadis ?
Die Diskussion um ein Kinderschutzgesetz und die aktuelle Rechtslage

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